erstellt: am 01.05.2000 gültig/aktuell: Jahr 2000 |
Neuer BTM-Flyer wirbt für Berlin als Reiseziel für "gay visitors"
Ein farbenprächtiger Regenbogen über dem Brandenburger Tor, dazu in bunten Lettern die Schrift "Welcome to Berlin" - so präsentiert sich die deutsche Hauptstadt ab sofort auf Reisemessen für schwule und lesbische Zielgruppen in den USA.
Der soeben erschienene Flyer der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) soll verstärkt auf Berlin als attraktives Reiseziel für schwule und lesbische Besucher aufmerksam machen. Er wird sowohl auf Fachmessen in den USA ausgelegt als auch von der BTM-Repräsentanz in Fredericksburg, Virginia sowie den drei USA-Auslandsvertretungen der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) an die Reisebranche verschickt.
Die neue Publikation ist eine von mehreren Marketingmaßnahmen, mit denen die BTM das Anfang dieses Jahres gestartete "Gay-Marketing" - d.h. die Präsentation Berlins unter Berücksichtigung von homosexuellen Zielgruppen - weiter intensiviert.
Der Flyer erscheint im handlichen Taschenformat und macht in erster Linie auf zahlreiche Großveranstaltungen, wie beispielsweise den Christopher Street Day (24.6.00) und die Love Parade (8.7.00) aufmerksam, die für die Zielgruppe von Interesse sind. Darüber hinaus beschreibt er unter anderem die kulturelle Vielfalt der Stadt und lädt ein, die spannende Historie der Spree-Metropole, die im übrigen auf 100 Jahre schwul-lesbische Geschichte verweisen kann, vor Ort zu erleben. Weitere Informationen über Berlin als Reiseziel für "gay visitors" können via Internet (www.berlin-tourism.de) abgerufen werden.
Berlin - von der Wiege schwuler Emanzipation zur Queer Capital
Berlin ist gerade aus schwul-lesbischer Sicht eine der aufregendsten Metropolen überhaupt. Die Geschichte der Schwulen Emanzipation nahm hier ihren Anfang und in den Jahren der Teilung der Stadt haben sich in Ost und West zwei ganz unterschiedliche Szenen ausgeprägt, die sich nach der Wiedervereinigung ebenso rasant entwickelten wie Berlin. Heute bietet Berlin ein schwindelerregend vielfältiges lesbisch-schwules Leben, das sich in allen Bereichen des Berliner Alltags widerspiegelt. Außerdem trägt die quirlige Berliner Szene ihre ganz eigenen kulturellen Errun-genschaften und hat selbst noch Auswirkungen bis in die vielbeschworene Berliner Clublandschaft, deren bekanntestes Aushängeschild die Love Parade ist.
Berlinbesucher merken schnell, daß der Reiz der Stadt nicht in einer flirrenden Nonchalance liegt, die sie aus anderen Weltstädten kennen mögen, sondern in ihrer betörenden Vielfalt. Ungleich anderen euro-päischen Metropolen verfügt Berlin nämlich über keinen unangefochtenen Mittelpunkt weder ökonomisch, noch sozial noch kulturell. Das war schon zu Zeiten der Weimarer Republik so, als Berlin eine der schillerndsten Hauptstädte der "roaring twenties" war, und hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Bau der Mauer noch verstärkt. Auch im nunmehr wiedervereinten Berlin wetteifern gleich mehrere Zentren um die Gunst des Publikums. Diese Berliner Eigenheit spiegelt sich auch in der schwul-lesbischen Szene der Stadt wider, die sich unterschiedlich ausdifferenziert an drei Standorten geballt finden läßt. Zum einen im nördlichen Schöneberg mit seiner klassischen Szene-Infrastruktur, zum anderen in Kreuzberg, das eine Mischung aus Kultur und robustem Nachtleben bietet und in Prenzlauer Berg mit seinem eher studentisch geprägten Leben. Ein Blick in die Siegessäule, einem kostenlosen Szenemagazin mit um-fassendem Serviceteil, das in nahezu allen genannten Läden ausliegt, zeigt, wie enorm breitgefächert das Szene-Angebot Berlins ist. Die im Folgenden besprochenen Adressen können also nur als erster Schritt in das andere Berlin betrachtet werden.
Drei Säulen der Berliner Szene
Schöneberg ist prädestiniert als allererste Anlaufstelle für Berlin-Besucher. Seine klassische Infrastruktur reicht von schwulen-freundlicher Apotheke oder Fitness-Club bis hin zum Laden fürs Fetischoutfit und einer schwulen Frittenbude am Wittenbergplatz. Während sich Frauen an die Lesbenberatung in der Kulmerstraße wenden können, findet man(n) ab 17.00 Uhr im schwulen Infoladen Mann-O-Meter in der Motzstraße alle nur erdenklichen Infomaterialien und Tipps über die Berliner Szene und ihre Aktivitäten. Freundliche Cafés, wie etwa das Andere Ufer, laden zu einer ersten Erkundung.
Allabendlich, wenn die Bars eröffnen, befindet sich die Motzstraße fest in schwuler Hand. Urgesteine der Berliner Sub, wie etwa das Tom´s oder das Pour Elle, Deutschlands älteste Lesbenbar und -disco, finden sich hier im Wechsel mit modernen Bars, die selbst schon zum Evergreen avanciert sind, so zum Beispiel der Hafen und das E 116, gleich ums Eck. Neben diversen Kinos und dem Knast (eine Kneipe, die Leuten im Leder-Fetisch-Outfit vorbehalten ist) ist das Connection immer noch eine der wichtigsten Adressen für Berliner Nachtschwärmer, das freitags neuerdings Boys & Girls zu "happy house" begrüßt. Aus offensichtlich ganz anderen Gründen haben die beiden Saunen (Appollo City Sauna und Steam Sauna) in der Kurfürstenstraße einen festen Platz in der Hitliste der Szene. Und das ehemalige Theater Metropol ist in regelmäßigen Abständen Schauplatz geradezu schon legendärer schwuler Parties, während frau sich in der Begine verausgabt.
Das östliche Standbein der Berliner Szene liegt im Prenzlauer Berg. Schon zu DDR-Zeiten hat sich hier eine Szene formiert, deren heimeligen Charme man immer noch in der Schoppenstube oder im Burgfrieden nachspüren kann. Auch der Tanz in der Busche erfreut sich nach wie vor erstaunlicherweise bei den Jüngeren ungebrochener Beliebtheit. Ist der Stille Don noch einigermaßen der typisch Prenzelbergerischen Tradition verhaftet, wurden mit Neugründungen à la Greifbar oder der Treibhaus Sauna endgültig Nachwende-Zeiten eingeläutet und finden in den zahlreichen Selbsthilfeprojekten ihren Niederschlag. Mit dem EWA-Frauenzentrum verfügen Lesben endlich über eine umtriebige Anlaufstelle am Prenzel´Berg. Daneben wird die Szene in Mitte und Prenzlauer Berg aber zunehmend von trendigen Cafés und Bars im Stile von Schall & Rauch, Café Amsterdam oder Aedes beherrscht.
Die Szene in Kreuzberg präsentiert sich dagegen noch etwas alternativ angehaucht. Im Roses oder im Bierhimmel und einigen anderen Läden rund um die Oranienstraße läßt sich dem robusten Charme aus Hausbesetzerzeiten nachspüren. Frauen finden im Schoko-Café die vielzitierte Kreuzberger Multi-Kulti-Atmo, während die monatlichen Jane Bond Parties im SO 36 für "Frauen, Lesben, Drags und andere Weiblichkeiten" inzwischen mit zum glamourösesten gehören, was das Berliner Nachtleben zu bieten hat. Doch am Mehringdamm 61 ist einstweilen eines der für Berlin so typischen "dezentralen Schwulen-zentren" entstanden. Hier residiert die `Allgemeine Homosexuelle Arbeits-gemeinschaft´ und das Café Sundström zieht junges, studentisches Publikum an, das sich am Wochenende auch auf den Parties des darunterliegenden SchwuZ vergnügt. Das Queergebäude im Hof des-selben Hauses wird von den Ausstellungs-, Archiv- und Depoträumen des Schwulen Museums beherrscht. Noch immer ist es in seiner Art einmalig in der Welt. Zwar gibt es auch anderen Orts geschichtlich interessierte Gruppen, Austellungen und Archive, doch das Schwule Museum ist seit 1985 kontinuierlich mit wissenschaftlicher Archivarbeit und jährlich mehreren Austellungen präsent, die auch international große Beachtung finden. Außerdem bietet die Arbeit des Schwulen Museums einen einmaligen Einblick in die reiche und wechselvolle schwule Geschichte Berlins.
100 Jahre Schwulenbewegung
1897 gründete Magnus Hirschfeld in Berlin das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK), die weltweit erste schwule Selbstorganisation, die die Interessen der Homosexuellen1 vertrat. Nach dem Ersten Weltkrieg beförderten viele neue Organisationen, wie etwa das ebenfalls von Hirschfeld ins Lebengerufene "Sexualwissenschaftliche Institut" und auflagenstarke Publikationen den homosexuellen Emanzipationsgedanken und es kam zu einer beinahe flächendeckenden Ausdehnung der Schwulenbewegung in Deutschland. Zeitgleich entwickelte sich in der Hauptstadt ein facettenreiches schwules Nachtleben, das maßgeblich zum legendären Ruf des Berlins der 20er Jahre beitrug. Stellvertretend für das liberale, flirrende Treiben der Hauptstadt sei hier nur das Schöneberger "Eldorado" genannt, eine schwule Bar, die nicht nur zum beliebten Künstlertreff avancierte und erklärtes Lieblingslokal von Marlene Dietrich war, sondern auch noch eine andere schwule Ikone in ihren Bann zog - Christopher Isherwood, der "because of the boys" aus dem repressiven England ins damals verheißungsvoll mondäne Berlin kam2.
1
Der Begriff "Homosexualität" wurde übrigens 1869 in Berlin sozusagen erfunden. Der österreichische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny verwen-dete während seines Berlinaufenthaltes (1869-74) den Begriff der "Homo-sexualität" erstmals in einem Traktat gegen die Bestrafung der Homo-sexuellen.2
Seine Eindrücke verarbeitete Isherwood in drei Romanen, die später als Vorlage zum Musical-Welterfolg "Cabaret" dienten.Mit der Machtergreifung der Nazis war es endgültig vorbei mit der eman-zipatorischen Voreiterrolle Berlins. Die Homosexuellen Organisationen wurden systematisch zerschlagen. Unzählige Homosexuelle wurden ver-haftet und in die Konzentrationslager verschleppt, wo auch Schwule zu Tausenden ermordet wurden.
Schwule Emanzipation nach US-Vorbild
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Deutschland Schützenhilfe von Schwulengruppen aus der Schweiz, den Niederlanden und den USA. Bereits in den 60er Jahren mauserte sich der Westen Berlins, vor allem der traditionell schwule Kiez rund um die Schöneberger Motzstraße erneut zum schwulen Mekka und ist bis auf den heutigen Tag eine der drei tragenden Säulen der Berliner Szene. Anfang der 70er Jahre sprang dann der Funke der Gay Liberation auch nach Berlin über. Erste studentische Schwulen-gruppen führten schon bald zu einer ausdifferenzierten Schwulenbe-wegung, die bis heute in weiten Bereichen geprägt vom US-amerika-nischen Vorbild ist. Vor allem die politischen Auseinandersetzungen über den Umgang mit den Folgen von Aids führte wie in den USA zu einer Professionalisierung der Bewegung in den 80er Jahren. Eine Entwicklung die sich auf alle Bereiche schwul-lesbischer Emanzipation äußerst positiv ausgewirkt hat. Zum Berliner CSD gehen alljährlich hunderttausende auf die Straße um für Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen zu demonstrieren und um sich anschließend auf Dutzenden von Parties selbst zu feiern. Daneben hat aber wohl vor allem das Schwul-Lesbische Straßenfest am Nollendorfplatz zunehmend die Aufgabe übernommen, die Szene in ihrer ganzen Vielfalt nach außen hin zu präsentieren. Heute finden sich in Berlin unzählige Selbsthilfegruppen, Organisationen und Vereine, die beinahe jeden Aspekt lesbischen und schwulen Lebens abdecken.
Berlin Clubnights
Vor allem das schwule Partyleben hat schon längst die angestammten Bezirke verlassen und sich von Anfang an auf das engste mit der Berliner Clublandschaft verzahnt, deren Aushängeschild das weltweit beachtete Phänomen der Love Parade ist. Nicht wenige der exponierteren Techno-Leute der ersten Stunde sind schwul und viele, viele Party-Schwestern kurz vor der Ohnmacht haben sie einfach noch einmal tief durchgeatmet erlagen rasch dem Sound aus Detroit, der in Berlin zu seiner ganz eigenen Ausprägung fand. Die Gays nutzten den offenen Spirit der Techno Heads, die nicht in überkommenen Mustern wie sexueller Orientierung dachten, und peppten den bunten Move kräftig mit rosa Farbe auf. Eine glamouröse Allianz, die immer noch für unvergessliche Party-Erlebnise sorgt. So finden auch heute noch im Tresor oder im WMF, zwei Flaggschiffen der Berliner Techno Szene regelmäßig schwule Raves statt. Aber auch das Ostgut, das sich längst zu einem Geheimtip unter Ravern gemausert hat, und das lab.oratory behalten viele Parties strikt schwulem Publikum vor. Kaspars Bottoms Up Parties sind legendär und die Sex-Trance-Bizarr-Parties aus dem früheren Kit-Kat-Club haben als MENtropol im Metropol eine neue Heimat gefunden. Den krönenden Abschluß rein mann-männlicher Techno Events bildet der in regelmäßigen Abständen an wechselnden Locations stattfindende Snax Club mit seinem kompromisslos fettem Sound (auf Flyer oder Hinweisen in der lokalen schwulen Presse achten). Und wer sich nach den Thrills einer Berliner Partywoche am Sonntag in den Sage Club zum K*A*P* Niteclub 2000 schleppt, hat mit der Erkundung der Berliner Clublandschaft gerade erst angefangen. Denn die deutlich angeschwulten Events in der Kalkscheune und im Casino, außerdem der montägliche Electric Ballroom im SO 36 und noch viele, viele andere sind mehr, als nur einen Abstecher wert....
Infokasten: Events
Die Berliner Lesben und Schwule lieben es sich und ihre Szene zu zelebrieren, dementsprechend vielfältig sind die Events, die ein fester Bestandteil im Partykalender geworden sind.
*Ostertreffen
Traditionelles Ledertreffen (21.4-24.4.2000)
Organisiert von den Berliner Clubs, u.a. von den Vereinen MSC und BLF (siehe Vereine)
Höhepunkt ist die Wahl zum "Mr. Leather Germany"
*Berlinale /Teddy-Verleihung
Dem traditionsreichen Filmfestival ist der schwul-lesbische Filmpreis Teddy Award (Verleihung am 19.02.2000) angegliedert. Bildet den Jahresauftakt der Partysaison (alljährlich im Februar)
*Karneval der Kulturen
Multikultureller Karnevalsumzug mit Beteiligung von Homo-Gruppen unterschiedlicher Ethnien (9.-12.06.2000)
*Schwul-Lesbisches Straßenfest
Europas größtes Fest seiner Art. In der Regel 1-2 Wochen vor dem CSD (17. Juni 2000)
*Christopher Street Day
Traditionelle Gay Parade mit anschließend zahlreichen Veranstaltungen (24. Juni 2000)
*Love Parade
Weltweit größter Rave mit rießiger Beteiligung von Schwulen und Lesben (1999: 1,5 Millionen Teilnehmer)
*Welt-AIDS-Tag
Seit Jahren Gedenktag an die Opfer von AIDS mit Demonstration und zahlreichen Veranstaltungen (jeweils 1. Dezember)
Weitere Information erhalten Sie von:
Berlin Tourismus Marketing GmbH
Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Natascha Kompatzki
Am Karlsbad 11
D10785 Berlin
Tel (030) 26 47 4812/69
Fax(030) 26 47 48 99
email presse@btm.de
Internet http://www.berlin.de
| Der Abdruck und die Veröffentlichung ist
kostenfrei Belegexemplar erwünscht |
|